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Rudbar - Shar-e-Watan

31/8/2018

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​Wir fahren nach Rudbar, der Heimatstadt von N, einer kleinen Bezirkshauptstadt an der viel befahrenen Durchgangsstrasse von Qazwin nach Rasht. Rudbar erstreckt sich in der Talenge des Sefid-Rud über mehrere Kilometer links und rechts entlang des Flusses und die steilen Hänge hinauf. Auf der linken, östlichen Hangseite liegen einzelne kleine Dörfer wie Filideh, Kabete und Darestan, auf der westlichen Höhe die Nester Kilister und Aghusben. Rudbar bedeutet so viel wie „viele Flüsse“ – in einer regenreichen Woche bei unserem Aufenthalt in 2010 fanden wir auch heraus, woher dieser Name stammt: Nicht nur lag Rudbar früher ohne den Damm am Ende des Einzugsgebietes des Sefid-Rud und des Shahrud, sondern im Frühjahr gurgeln Dutzende von kleineren und grösseren Bächen die Hänge hinab ins Tal und ergiessen sich in den bei Hochwasser wild schäumenden Sefid-Rud. Der Bezirk Rudbar ist berühmt für seine Oliven und entlang den Durchgangsstrassen reihen sich von Manjil bis Rostamabad Verkaufsstände und Läden, wo die Oliven in grossen Gläsern zu hohen Türmen aufgeschichtet auf ihre Käufer warten. Am Abend sind die Läden alle mit farbigen Neonleuchten in rosa, grün und gelb erhellt und von weitem wirkt so die Hauptstrasse wie eine einzige, grosse Vergnügungsmeile.
Ausser der speziellen Lage im Sefid-Rud-Durchbruch durch den Alborz und die sich dem Fluss und die Hänge entlang ziehenden Olivengärten unterscheidet sich Rudbar äusserlich kaum von vielen Iranischen Provinzstädtchen. Die meist zweistöckigen Häuser bestehen aus in Stahlkonstruktionen eingebetteten Ziegeln, sind häufig unverputzt und sehen aus wie zwei übereinander gestellte Schuhschachteln, von denen die obere etwas über die Front der unteren heraussteht und diese so beschattet. Diese neue Bauweise hat ihren Grund nicht rein im Wunsch ihrer Bewohner, die traditionellen, häufig aus Lehmziegeln bestehenden Häuser haltbarer zu machen oder sie aufgrund eines speziellen Hangs zur Moderne ersetzen zu wollen. Vielmehr führten in vielen Regionen Erdbeben, andere Umweltkatastrophen oder Krieg dazu, dass ganze Landstriche verwüstet und viele Dörfer neu aufgebaut werden mussten.
So steht es auch mit der Region Rudbar: In der Nacht vom 20. Zum 21. Juni 1990 wurden die iranischen Provinzen Zanjan und Gilan von heftigen Erdstössen der Stärke 7,7 laut Richterskala erschüttert. Das Epizentrum lag nahe der Ortschaften Rudbar, Manjil und Lowshan – diese wurden wie annähernd siebenhundert andere Dörfer praktisch vollständig zerstört. Zwischen vierzig- und fünfzigtausend Menschen verloren ihr Leben und eine halbe Million ihr Dach über dem Kopf. Auch die Familie von N war betroffen und erlor neben verschiedenen Familienmitgliedern auch das Elternhaus in Elizeh, das nie wieder aufgebaut wurde und heute als Ruinen im Olivengarten der Familie überwuchert liegt.
Zwischen Rostamabad, Rudbar, Manjil, und Ṭaroom liegt das traditionelle Anbaugebiet für Oliven in Iran. In Rudbar alleine wurden bereits Mitte des 19. Jahrhunderts rund hundertfünfzig Tausend Olivenbäume gezählt. Konsumiert wurden die Oliven in Iran damals nicht in grossem Stil – weder als Öl noch als Früchte: Die Oliven wurden zwar überwiegend zu Öl gepresst, dieses war aber so dick und von so schwerer Qualität, dass es hauptsächlich für Seife verwendet wurde. Im 19. Jahrhundert hatten Franzosen, Russen, Armenier und Griechen nacheinander versucht, Anbau, Verarbeitung und Vertrieb zu einem lohnenden Geschäft auszubauen. Die Griechen, die „Messers Kousis and Theophilaktos“, erhielten anfangs der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts die exklusive Olivenkonzession für Aufkauf, Pressung und Raffinerie der Olivenernte im gesamten Nordiran für eine Laufzeit von 25 Jahren und bauten 1895 in Rudbar sogar eine Fabrik: Die Kousis-Presse. Sie liessen in England sogenannte „Marseillaisen“, Marseiller Olivenpressen, herstellen, die mühevoll von Europa nach Gilan transportiert wurden. Die Unternehmer hatten vor, Oliven und Olivenöl nach Russland zu exportieren. Dieses Geschäft wurde jedoch durch eine plötzliche Zollerhöhung für die Einfuhr von Oliven und Olivenprodukten nach Russland zunichte gemacht und die Griechen verliessen Rudbar kurz darauf wieder und die einheimischen Bauern kehrten zur Seifenverarbeitung zurück. Erst gegen Mitte des letzten Jahrhunderts fand Olivenöl und Olivenfrüchte Akzeptanz bei der iranischen Bevölkerung und führte zu einer steten Verbesserung der Qualität von Öl und Oliven aus der Region. In den siebziger und achtziger Jahren wurden in verschiedenen anderen Gebieten Irans ebenfalls Oliven rekultiviert, wie beispielsweise in Qazwin, Fars oder Mazanderan, so dass ein fast achthundertjähriges Monopol von der Region um Rudbar in den letzten Jahren zu Ende gegangen ist.


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    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

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