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Qati-Pati – oder Verkehr auf iranisch

28/8/2018

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Auf dem Land fahren die wenigen Autos, die unterwegs sind, meistens ordentlich in den Spuren, die für sie vorgesehen sind. Auf Bergstrecken kann es vorkommen, dass diese Spur geschnitten wird, um den Weg etwas abzukürzen – wenig, aber immerhin. Auch kann es vorkommen, dass besonders ängstliche und möglicherweise nicht schwindelfreie Fahrer die rechte Spur meiden, wenn sie zu nahe an ungesicherten Abgründen entlangführt und lieber die linke Seite verwenden. Offensichtlich schreckt ein hinter einer Kurve entgegenkommender Lastwagen weniger ab, als die Fahrt am Rande der Schlucht.

Die meisten Autofahrer fahren dem Wagen entsprechend, den sie besitzen: Der Peycanfahrer prescht über die holprigsten Strassen bergauf, benutzt alle illegalen Kiesauffahrten auf die Autobahn, wirbelt generell viel Staub auf, meistert Böschungen und Gräben, an denen jedes andere Auto zerbrechen würde, holpert fröhlich über Wiesen zu den schönsten Picknickplätzen oder über die frisch gepflügten Felder in tiefen Furchen durch weiche, dunkle Erde zur Kuh- oder Schafherde, die es zu versorgen gilt. Dabei schaukeln seine Sitze weich gefedert wie ein Schiff auf hohen Wellen und nicht selten werden seine Insassen seekrank. Der Peycan sieht aus wie ein vergessenes Relikt aus den siebziger Jahren: Meistens in beige, einige in zitronengelb, gefährlichem orange oder von weit sichtbarem grün mit beigen Türen. Tatsächlich ist der Peycan ein Nachbau des englischen Hillman Hunter, der seit den sechziger Jahren in Iran hergestellt wurde. Peycan bedeutet Pfeil und es ist ein robustes, starkes Auto, mit dem auch in der Zeit, als es noch nicht überall Teerstrassen gab, die Orte über die Schotterpisten zu erreichen waren. Der Peycan wurde bis 2005 hergestellt, jedoch mit kaum wechselnder Modellreihe, so dass auch die letzten Wagen, die vom Fliessband der Iran Khodro rollten, aussehen wie ihre frühen Brüder Anfang der siebziger Jahre. Leider – zumindest für Nostalgiker – oder zum Glück – aus Umweltüberlegungen – sind die Peycans immer weniger auf Irans Strassen zu sehen. Gemächlicher geht es der Paycan auf einer bergaufführenden Teerstrasse an – auf dem glatten, wenig herausfordernden Untergrund in einer Steigung fühlen sich Fahrer und Wagen offensichtlich nicht wohl.

Hier unterscheidet er sich nicht gross von der zweiten Kategorie Autofahrer in Iran: dem Saipa-Fahrer. Der Saipa erinnert ein bisschen an die kleineren, eckigen Limousinen der achtziger Jahre: Kurze, kantige Kühlerhaube, knapper Kofferraum – der jüngere Bruder von Peycan, ein linkischer Jüngling. Fast immer weiss oder hellgrau. Der Name des Modells ist Programm: Pride. Und stolz sind ihre Besitzer häufig über ihr kleines Auto, das mit seinem günstigen Preis auch für den Mittelstand erschwinglich ist und den Luxus der Mobilität bietet. Ihren Stolz drücken sie häufig darin aus, dass sie die Markenbezeichnung „Pride“ oder „Beta“ am Heck abschrauben und stattdessen Kleber und Schilder von anderen Marken anbringen: Ferrari, Mercedes, VW, BMW, Peugeot… Solchermassen ausgerüstet, flitzen sie hangabwärts frech an allen anderen vorbei, nur um kurze Zeit später die steilen Berge hinauf zu schnaufen. Dies ist dieser Autochen Schicksal: Sie werden eines ums andere von Lastwagen und Pickups überholt oder in die rot-goldene Staubwolke eines rechts im Schotter vorbeipreschenden Peycan eingehüllt. Im Saipa spürt man jedes Kilo: Ist die ganze Familie dabei, eingeklemmt zu dritt auf den Vordersitzen, zu viert oder zu fünft auf dem Rücksitz, dann ächzt und stöhnt die Karosserie, knarren die Sitze und rattert der Motor. Dann beugt sich der Fahrer tief über das Lenkrad, den Blick konzentriert geradeaus auf den höchsten Punkt der Strasse gerichtet, der Körper gespannt, die Arme angewinkelt, die Hände zupackend am Steuer, der Rücken gerade und leicht über dem Sitz schwebend wie ein Pferdejockey in der Zielkurve die nächste Serpentine nehmend und in die Gerade vor der Passhöhe einschwenkend. Manchmal schafft er es nicht: Dann stöhnt der Motor auf, lässt ein kurzes Pfeifen hören, ein Zischen und Röcheln und bleibt stehen. So ist das Bild der Passstrassen – und derer gibt es viele in diesem Land der Hochplateaus und Gebirgsketten – geprägt von Familien, die ihr Picknick am Rand der Strasse im Schatten des Autos mit weit geöffneter Kühlerhaube machen.

Dann hupen die Peugeot-Fahrer und die Samand-Kapitäne: Diese Autos werden ebenfalls in Iran hergestellt und sind beides Versionen des Peugeot 405 – der eine mit der Aufschrift „Pars“ als einheimisch produzierter Peugeot ausgewiesen und der Samand mit dem Pferdekopf-Symbol als Eigenmarke. Spektakulär, was vom Peugeot Fars zu hören war: Diese Wagen fingen häufig aus unerklärlichen Gründen Feuer und blieben am Rand der Strassen als ausgebrannte Wracks zurück. Eine Behauptung, die wir nicht prüfen konnten, die jedoch sicher auch das Misstrauen vieler Leute in die einheimischen Produkte des neuen Millenniums widerspiegeln. Sicher ist, dass ein Peugeot oder Samand-Fahrer zu den bessergestellten im Land gehört oder häufig in Staatsdiensten steht. Selten trifft man sie in den abgelegenen Winkeln des Landes, eher auf den Überlandstrecken zwischen den grösseren Städten. Dort jedoch umso auffälliger, als ob sie ihren Status mit ihrem Fahrstil unterstreichen müssten: Hupen, drängeln, rechts überholen, Kurven schneiden und aus jeder Kreuzung forsch und selbstbewusst in die Hauptstrasse dringen und immer sicher sein, dass bei einem Problem, einem Kratzer, einer Beule oder einem schlimmeren Unfall mit einem der tiefer in der Rangordnung stehenden Wagen das Recht auf ihrer Seite steht.

Über ihnen in der Hierarchie stehen nur die grossen, chromglänzenden und sauber-weissen Importwagen: Toyotas, BMWs, Mercedes und japanische oder koreanische Geländelimousinen und immer mehr Chinesischen Modellen. Diese Wagen sind jedoch meist nur in oder in der Nähe von grossen Städte anzutreffen oder vielleicht noch nahe der grossen Importhäfen: Böse Zungen behaupten, es gäbe eine Korrelation zwischen der Anzahl solcher Autos und der Menge an Schmugglerware, die über die grossen Häfen in die Bazare des Landes gelangen. Diese kosten viel Geld und ihre Besitzer sind reich und einflussreich und deswegen entsprechend hoch in der automobilen Rangordnung einzustufen. Ebenfalls hoch in der Rangordnung stehen die vielen kleinen Peugeot 306, die vor allem die Städte unsicher machen. Diese werden meist von jungen Frauen gefahren. Und diese wiederum sind meist die Töchter der Fahrer der teuren Importautos…

Rein äusserlich betrachtet unterscheidet sich das Iranische Verkehrswesen kaum von demjenigen westeuropäischer Städte: ganze Wälder von Verkehrsschildern, Fussgängerstreifen, Ampeln, Kreisel, mehrspurige Boulevards. Die Realität jedoch ist eine andere: Fussgängerstreifen werden ignoriert, die Verkehrsschilder als dekorative Verschönerung der Strassenränder betrachtet. Die Ampeln werden häufig beachtet, häufig aber auch nicht – dies scheint von der jeweiligen Laune der Mehrheit der Fahrer abhängig. Werden sie beachtet, dann stehen die Fahrer ungeduldig, den Fuss am Gaspedal, den Daumen zum Hupen bereit in erster Reihe, immer den Zähler bei der Ampel im Blick, der in roten Ziffern die Sekunden abzählt, die bis zum Wechsel auf grün verbleiben. Immer bedrängt von hinten, geht es darum, die Pole-Position zu bewahren, einen schnellen Start hinzulegen und wie bei einem Autorennen als erster die Strasse in Besitz zu nehmen und am schnellsten über der Kreuzung zu sein. Ein zweispuriger Boulevard wird vierspurig, ein dreispuriger achtspurig befahren, Auto an Auto, Rückspiegel an Rückspiegel quetscht man sich in jede noch so kleine Lücke. Die Kreisel – dreispurig umrundete beachtliche Klippen in der Brandung des Verkehrs - bilden dann das unvermeidliche Nadelöhr: Von vier Seiten strömt der Verkehr auf das Rondell zu und brandet in wütenden Wellen zum Zentrum hin. Wo jedoch Wasser aus verschiedenen Strömungen ungehindert eins wird, ist dies dem Verkehr beileibe nicht beschieden: Und so drängen sich die Autos in buntem, lärmigem Chaos alle gleichzeitig in die Kreuzung mit dem Ergebnis, dass ein unentwirrbares Geknäuel entsteht, das in hoffnungslosem Stillstand aller endet. Persisches Qati-Pati. Kein Vor und kein Zurück scheint möglich, alle dazu verdammt, kleine Ewigkeiten lang auf Besserung zu warten – da hilft alles Schreien, Hupen und Gestikulieren nichts. Und doch: Ein unerschrockener Taxifahrer, ein junger Familienvater, ein eiliger Gemüsehändler findet sich, der die Leitung über das kompliziert, wirre Orchester übernimmt und mit lauten „bia, bia, boro, boro“-Rufen und Winken, ausholenden Gesten und kompetenter Mine Bewegung in die Masse bringt, so dass plötzlich die Ströme wieder fliessen als wäre nichts gewesen. Dies alles unter den Augen eines lässig am Strassenrand stehenden Verkehrspolizisten mit Rey-Ban-Kopie auf der stolzen Nase, die sich über das Geschehen mitleidig kräuselt…

Der chaotische Verkehr – insbesondere die Mode, die vorhandenen Spuren doppelt und dreifach zu verwenden – hat jedoch im Stau durchaus seine Vorteile: Alle drängen nach vorne, jeder nützt auch die noch so kleinste Lücke aus, späht nach einem Durchlass und sei er noch so eng und so bewegt sich die gesamte Masse an Fahrzeugen langsam, aber stetig irgendwie vorwärts. Hauptsache, man bleibt in Bewegung: alles besser, als im Stau zu stehen! Als Beigabe im iranischen Verkehrssalat rattern noch hunderte von Motorrädern – teilweise mit ganzen Familien besetzt – kreuz und quer durch die Autoschlangen. Sie sind so zusagen Salz und Pfeffer im lärmenden, stinkenden Chaos.
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Dieses Mal sind wir – anders als in 2010, als wir mit dem Nissan als Selbstfahrer unterwegs waren – Mitfahrer in der kleinen Sorte Wägelchen. Dabei ist es erstaunlich, wie sich die Perspektive verändert: einerseits ist man als Mitfahrer eines persischen Chauffeurs dem ganzen Wahnsinn der iranischen Strassenverkehrs ausgeliefert. Andererseits jedoch kann man – so man es denn schafft – zurücklehnen und das Chaos einfach geniessen, ohne dass man als Fahrer und Beifahrerin sozusagen als blutige Anfänger im persischen Strassenverkehr in dauerndem Adrenalinstress rallye-gleich als Pilot und Co-Pilot im grossen Preis von Iran mitfahren muss. Nicht immer gelingt jedoch das zurücklehnen gleich gut und ab und zu hält man den Atem an und merkt es erst, wenn der Sauerstoff knapp wird, das Gesicht blau und wenn die Atmung sich nach erfolgreichem Überstehen einer besonders kritischen Kreuzung inmitten von dröhnenden Lastwagen sich wieder normalisiert. Die iranischen Fahrer selber sind in diesem ganzen Chaos komplett ruhig. Lässig lehnen sie im Sitz, hängt die eine Hand am Steuer und die andere locker auf dem Schalthebel. Während sie unermüdlich plaudern, erklären, Touristenführer spielen, drängen sie nach vorne, nützen auch die noch so kleinste Lücke aus, spähen nach einem Durchlass, hupen und werden behupt und lassen sich insgesamt nicht in ihrem Fortkommen von den anderen Automobilisten stören. Fluchen und wild gestikulieren tut (im Normalfall jedenfalls) niemand – eine Eigenart, die übrigens auch dem schweizerischen Verkehr, so diszipliniert er sein mag, durchaus gut anstehen würde.


P.S.: die Iraner transportieren übrigens das mögliche und unmögliche mit ihren Vehikeln – ich habe einige Muster davon in nachfolgender Diashow zusammengestellt...
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    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

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