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Qaled-ye Rudkhan oder: Halligalli im Elfenwald

5/9/2018

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​Die nächsten zwei Tage gehören unseren Freunden in Rasht. Wir packen also am Vormittag unsere zwei Autos wieder und verabschieden uns von unseren Gastgebern in Anzali. Nicht aber, bevor nicht kurz vor Aufbruch noch gefühlte 100 Gruppenfotos auf der Terasse und vor dem Traubenspalier der Auffahrt gemacht wurden. In Rasht erwartet uns zuerst ein feudales Mittagessen und anschliessend ein Ausflug nach Fuman und Qaleh-ye Rudkhan. In Fuman wird das Dessert besorgt, runde süsse Kuchen, die Spezialität der Region. Nach Fuman führt die Strasse durch kleine Dörfer und zuerst Reisfelder, anschliessend durch Teefelder in die Ausläufer des Elburs hinauf. An einer Kreuzung eine kurze Diskussion: Soll die Fahrt in das Bergdorf Masuleh gehen oder bleiben wir beim Plan, nach Qaleh-ye Rudkhan zu fahren? Wir entscheiden uns für Qaleh-ye Rudkhan, da wir das letzte Mal zu spät waren und die Burgruine gar nicht gesehen haben – der Aufstieg dauert eineinhalb Stunden und als wir die Hälfte geschafft hatten, wurde uns mitgeteilt, dass oben bereits geschlossen sei. Heute sind wir früher dran und hoffen, diesesmal bis oben zu kommen.
In der Nähe dann plötzlich Stau – offenbar haben alle Touristen, von denen es immer noch genug gibt, da die Schulen erst gegen Ende September wieder beginnen, ebenfalls beschlossen, Qaleh-ye Rudkhan zu besuchen. Wir kriechen also während der nächsten Stunde zum grossen Parkplatz am Ende der Strasse hinauf. Wo wir das letzte Mal von einzelnen Gruppen Jugendlicher abgesehen praktisch alleine waren, ist nun der Zirkus los: Wahre Menschenmassen drängen und drücken sich durch Stände mit Süssigkeiten und Souvenirs, Kebab-Restaurants und Fotobuden, in denen sich die ganze Familie in den Traditionellen Trachten der Region fotografieren lassen kann hinauf Richtung Wald. Zwei Kamele – eines weiss, eines braun – warten mit farbigen Quasten und Glöckchen behängt darauf, die Touristen rund um den Parkplatz zu tragen. Die Verkäufer und Kelner der Restaurants preisen lauthals ihre Ware an, der eine übertrifft den anderen in kreativen Begründungen, weshalb die Besucher doch ihr Restaurant, ihre Bude besuchen sollen. Wir hoffen, dass wir – sobald im Wald – etwas Ruhe finden, doch weit gefehlt: bis weit hinauf reichen die Bretterbuden und Verkaufsstände, kann „Ash“ (eine Art dicker Suppe), „Lavashak“ (getrocknete Früchte, ganz dünn gewalzt, teilweise süss-sauer bzw. leicht salzig mit saurem Granazapfelpüree serviert), Tee, Schuhe, kleine gestrickte bunte Puppen, Socken und Baby-Pantöffelchen, Sonnenbrillen, Hüte etc. Gekauft werden. Wir stecken übel im Stau der Menschenschlange und wissen nicht so genau, ob wir uns über den Tumult amüsieren sollen oder uns bedauern sollten. Was für ein Chaos!
Die Qaleh-ye Rudkhan im Ursprünglich im 11. Jahrhundert von den Seldschuken erbaut, ist es die grösste militärische Anlage ihrer Art in Iran. Sie wurde anstelle einer vorislamischen Festung erbaut und diente zunächst den Ismaeliten als Rückzugsort, später regionalen Fürsten, die den Zentralregierungen die Stirn boten. Bei akuter Gefahr zogen sich auch die Bewohner der umliegenden Täler hierher zurück. Über zwei Hügelkuppen entlang eines Grates errichtet, nimmt sie eine Fläche von rund fünfzig tausend Quadratmeter ein. Ihre Schutzmauer misst über eineinhalb Kilometer und ist mit zweiundvierzig Wehrtürmen bestückt.
Der Weg hinauf führt durch einen wunderbaren Wald: Ein hellgrüner, moosiger Wald erwartet uns mit knorrigen, uralten Bäumen, die ein undurchdringliches Dach bilden. Die Luft ist kühl-feucht und wird zusätzlich erfrischt durch einen munteren Bach, der kreuz und quer durch den Wald in die Täler weiter unten sprudelt. Entlang dem Bach ein Weg mit vielen Stufen, links und rechts vom Weg liegen mächtige Steinbrocken, vollkommen überzogen von hellgrün leuchtendem, weichem Moos. Auch die Stämme der Bäume zeigen die gleiche Bedeckung, und das dämmrige Licht lässt die Moose fluoreszierend schimmern im schwindenden Licht des Abends und verleiht dem Wald etwas elfenhaftes.
So jedenfalls habe ich es damals, 2010 beschrieben. Der Wald ist immer noch wunderschön und von einem fluoreszierenden Grün, elfenhaft ist hier jedoch nichts mehr. N und ich sind uns aber einig, dass die Touristenmassen natürlich den Bauern aus den umliegenden Dörfern die Möglichkeit bieten, etwas dazu zu verdienen und ihre Produkte zu verkaufen. Darum gewinnen wir dem Treiben durchaus etwas Positives ab.
Natürlich kommen wir auch heute nicht bis nach oben zur Burg: wir haben schon eineinhalb Stunden, bis wir vom Parkplatz bei der letzten Verkaufsbude oben im Wald sind. Sie steht genau dort, wo wir bereits das letzte Mal umgekehrt sind...
1 Comment
Urs und Barbara Ursprung
11/9/2018 14:51:31

Unsere Lieben
es scheint, dass einiges los ist auf Eurer Reise. Vieles kommt einem bekannt vor, vieles ist neu. Wir wünschen Euch einen interessanten und erlebnisreichen Verlauf der Reise - möglichst ohne Blechschaden. Geniesst den Safran und kehrt gesund und heil zurück. Herzliche Grüsse
Eure Ursprungs

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    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

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