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Nach Iran 2018

1/8/2018

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Vor der Reise

2010 sind wir nach Iran gefahren - von dieser Reise habe ich eine Vielzahl von Fotos, unendliche viele Eindrücke und unzählige Ideen für Texte mitgebracht.

Nun stehen wir wieder vor einer Reise: Eine gute Gelegenheit, in Erinnerungen zu schwelgen...
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15. April 2010: Ich mag dieses Foto sehr: Unser Auto inmitten von grossen Brummi’s – die letzte Pause vor der Ankunft an der Türkisch-Iranischen Grenze…
Als Kinder hatten wir einen Bekannten. Sein Vater war Fernfahrer. Er war voller Geschichten über seine Fahrten. Damals waren die 70er Jahre – es war ganz normal, dass Sattelschlepper über die Balkan-Route und die Türkei in den Iran fuhren.
2010 sind wir quer durch die Türkei gefahren und hatten unsere letzte Nacht vor der Grenze in Erzurum verbracht. Dort haben wir unser Auto umgepackt: Kurzärmlige T-Shirts und Shorts weggepackt und stattdessen die langen Hemden und langen Hosen bereitgelegt. Die Schals – die Haare sollten zumindest in der Öffentlichkeit für die nächsten Monate verschwinden, genauso wie die Fesseln, der Hals, die Unterarme. Mir war etwas schummrig: Wir würden wir über die Grenze kommen? Welche Probleme würden wir haben? Würden die gestrengen Hüter der Moral bei unserer Passage unser verwerflichen Güter finden und beanstanden, die Geschenke, die Musik, die iPods, die Festplatten voller Filme und Songs, die Parfüm-Flacons, die Schminksachen für die Nichten, die Technik für die Neffen, meine Bücher? Neben drei Reiseführern, einigen Wälzern über Persepolis, die Achamäniden und zur sassanidischen und frühislamischen Architektur, Axworthys „Iran – Empire of Mind“ sowie einem Taschenbuch mit Byrons „Road to Oxiana“ und Elliotts „Persien“ begleiten mich zeitgenössische Sachbücher (van Gent, Schirra, Hofmann etc.) und einige Erfahrungsberichte von Exiliranerinnen. Diese liegen gut verstaut zwischen Ferdousis „Rostam“, Hafis „Divan“ und einem Bändchen mit klassischen persischen Gedichten. Obenauf gepackt eine Studentenausgabe von Herodots „Historien“ und eine Einführung in den Islam.

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Die türkisch-iranische Grenze: Nach dem türkischen Zoll fährt man in einen schmalen Korridor mit diversen hohen Schranken. Wir stehen mit unsere Wagen hinter zwei Bussen mit iranischen Pilgern im Niemandsland zwischen der Türkei und Iran. Gitterstäbe hinter uns: Türkei. Gitterstäbe vor uns: Iranischer Kontrollposten. Fotografieren strengstens verboten. Ich kann es nicht lassen  und mache ein Foto mit dem Handy. Die Gitterstäbe sind in den iranischen Nationalfarben grün-weiss-rot gestrichen und von einem Plakat blicken die Ayatollahs Khamenei und Khomeini auf uns herunter: Khamenei eher milde gestimmt mit nur wenigen Sorgenfalten auf der Stirn unter dem schwarzen Turban und erstaunlich hellen Augen hinter den Gläsern einer einfachen Metallbrille; Khomeini mit dunkel-verdriesslichem Blick unter tiefen, buschigen Augenbrauen. Unbewusst greife ich mir an mein Kopftuch und überprüfe, ob der Schal richtig sitzt: eine Geste, die mich in den kommenden Monaten begleiten sollte.
Vor uns werden die Pilger aus dem Bus getrieben und versammeln sich auf dem engen Platz zwischen Polizeigebäude und wartenden Fahrzeugen. Stoisch harren sie inmitten ihrer Bündel und Säcken aus – alte Männer in schwarzen Hosen und dunklen Westen über blütenweissen Hemden. Viele von ihnen tragen keine Jacke, obwohl ein empfindlich kalter Wind weht. Die Frauen in schwarze Tschadors gehüllt, die bei unachtsamen Bewegungen hie und da einen Zipfel hellen Stoff oder gar bunt gemusterte Unterkleider freigeben. N verlässt den Wagen und lässt mich alleine zurück. Mir ist unwohl und obwohl ich mich auf die Reise freue und ihr auch in freudiger Erwartung entgegensehe, fühle ich mich hier zwischen diesen Gittern der geballten Staatsmacht zu nahe...

2018: Ich habe lange gebraucht, N. davon zu überzeugen, wieder einmal in seine alte Heimat zu reisen. Zu unsicher sei es derzeit. Mit der Wahl des neuen Präsidenten Hassan Rohani, der als Nachfolger von Ahmadinedschad 2013 im Westen als gemässigt wahrgenommen wurde und mit dem Abschluss des Atomabkommens im Juli 2015 sah ich meine Chance für eigene Neuverhandlungen zum Thema mit N. gekommen und endlich, nach zähen Verhandlungen und Diskussionen stimmte er diesen Spätwinter einer neuerlichen Reise zu.

Die Zeit während unserer letzten Reise war geprägt von den Unruhen nach den Wahlen von 2009 vor der Abreise und regelmässigen Drohgebärden Ahmadinedschads 2010 in Richtung Israel, den von den USA verhängten Sanktionen gegen Iran und den Diskussionen um die Inbetriebnahme des ersten Atomkraftwerks in Busher, die für den Sommer geplant war (Stuxnet verhinderte diese Inbetriebnahme für mehrere Monate). Die Sanktionen waren im täglichen Leben durchaus spürbar: die Währung verlor massiv an Wert und die Preise für die Güter des täglichen Bedarfs stiegen stark an. Ansonsten spürten wir keine grösseren Auswirkungen – die Leute blieben weiter in ihrer gewohnten Art herzlich, gastfreundlich und sehr hilfsbereit und immer daran interessiert mit uns «Westlern» in Kontakt zu treten: die Isolierung des Landes bedeutete für sie auch eine persönliche Isolation, die sie gerne und häufig mit Kontakten zu Reisenden durchbrachen.

2018 waren im Januar wiederum Unruhen im Land. Insbesondere die hohen Lebenshaltungskosten und die Arbeitslosigkeit trieben die Leute auf die Strassen: Die Kosten stiegen laufend an und die Regierung finanziere gleichzeitig Truppen in Kriegsgebieten wie Syrien und Yemen, seit Jahren bereits die Libanesische Hisbollah und neuerdings auch Schiitengruppen in Saudiarabien.
Im Juni hat der US-amerikanische Präsident Donald Trump das Atomabkommen mit Iran aufgekündigt und schärfere Sanktionen angedroht. Angesichts der drohenden Verhängung neuer US-Wirtschaftssanktionen gegen den Iran, die in zwei Schritten am 6. August und am 4. November in Kraft treten sollen, büsste die iranische Währung im Juli binnen zwei Tagen 18 Prozent ein und hat damit seit Jahresbeginn fast zwei Drittel ihres Werts eingebüsst. Die Süddeutsche Zeitung schreibt dazu: «Der Dollarkurs ist zum Symbol der Misere geworden, ein Maß für die Verunsicherung im Land, das schwindende Vertrauen». Im April hat die Regierung den Dollarpreis auf 42'000 Rial festgesetzt und Dollar werden nur noch für den Import von wichtigen Gütern eingesetzt. Für den Umtausch von Dollar in Rial im Land selber müssen Banken oder staatlich lizenzierte Wechselstuben benutzt werden. Da jedoch die Wechselkurse auf dem Schwarzmarkt einiges besser sind, hat hier über die letzten Jahrzehnte ein blühendes Geschäft entwickelt. Sehr zum Unmut der Regierung, die in den letzten Monaten vermehrt Razzias gegen Schwarzwechsler unternommen hat und diese streng bestraft. So schreibt die Süddeutsche weiter: «Der radikale Großayatollah Naser Makarem Schirazi, 91, hat gefordert, ein paar Geldwechsler zu exekutieren, zur Abschreckung. Lange Haftstrafen drohen heute schon, auch den Kunden. Doch das hat den Preis nur noch weiter nach oben getrieben. Die Leute kaufen jetzt Immobilien, importierte Autos oder Gold, um ihr Vermögen zu retten. Aber auch diese Waren werden immer teurer».

Vor einigen Tagen haben Rohani und hochrangige Militärs damit gedroht, die Öllieferungen der Golfstaaten durch die Straße von Hormus zu blockieren, falls die USA wie geplant gegen Teherans Ölexporte vorgehen. Trump täusche sich, wenn er davon ausgehe, dass Saudi-Arabien und andere Förderstaaten die Verluste am Ölmarkt wettmachen könnten, die durch die Sanktionen gegen den Iran entstünden. Worauf Trump prompt per Twitter an die Adresse Rohanis reagierte: "Bedrohe niemals mehr die USA oder du wirst Konsequenzen erleben, wie sie in der Geschichte nur wenige erlebt haben". Kurz danach sagte Rohani, die feindselige US-Politik könne "zur Mutter aller Kriege" führen. Zugleich sagte er, Amerika solle wissen, dass "Frieden mit dem Iran die Mutter allen Friedens ist". Gleichzeitig verhandeln beide Parteien derzeit über ein Treffen.
 
Reisewarnungen für die Reise nach Iran als ganzes liegen keine vor. Es wird von der Reise in bestimmte Gebiete (Grenzgebiete zu Afghanistan und Pakistan sowie teilweise Irak) gewarnt – insgesamt beträgt die Beurteilung von heute gemäss dem Reisewarnindex von www.reisewarnung.net auf Stufe drei von fünf – was derselben Einschätzung von Reisen in die Türkei entspricht.

Wir werden sehen...
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    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

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