Elizei
  • Home
  • Iran
    • Iran 2010 - Fotos
    • Reiseblog 2010 (Englisch)
    • Iran 2018
  • Kontakt
  • Essen
  • Klassenfotos
  • Projekt Fotobuch

Nach Anzali

3/9/2018

0 Comments

 
Wir haben eine Einladung von einem Cousin von N nach Anzali. Sie mieten dort jeweils auf Jahresbasis eine Villa am Kaspischen Meer und nachdem wir ihre Einladung in ihr Haus im Norden von Teheran abgelehnt hatten - ich meide den Moloch Teheran, wo immer es geht - konnten wir die Einladung ans Meer fast nicht ausschlagen. Die Zeit fängt an, knapp zu werden, und diverse andere Einladungen stehen noch aus, so dass wir anfangen müssen, tagesscharf zu planen. Zwei Nächte können wir zusagen, mehr nicht. Sozusagen als Kompensation für den kurzen Aufenthalt, laden wir kurzerhand die ganze Familie ein, mit uns zu kommen. So sind wir am Montag wieder einmal mit zwei vollgepackten Autos unterwegs von Rudbar über Rasht nach Anzali. In Rasht ist der Verkehr haarsträubend: Stossstange an Stossstange und Kotflügel an Kotflügel quält sich der Verkehr durch die Stadt. Gerade als ich N erzähle, ich hätte irgendwo gelesen, dass der Verkehr in Rasht zum schlimmsten in Iran gehört, knallt es: hinter uns hat jemand nicht aufgepasst und ist in den Vordermann geknallt und dieser wiederum erwischt uns von hinten. Unser Hintermann ist das Auto, das mit der einen Hälfte unserer Familie gefüllt ist. Wir versichern uns, dass niemand verletzt ist und dann beginnt die Abwicklung des Blechschadens. Der Verursacher entschuldigt sich wortreich, es ist klar, dass der Fehler bei ihm lag (Telefon am Steuer) und er versucht sich gar nicht, sich herauszureden. Adressen und Telefonnummern werden ausgetauscht, die Versicherungspapiere hervorgekramt („Bime“). Es wird wortreich diskutiert und schliesslich entschieden, in die nächste Werkstatt zu fahren, um den Schaden schätzen zu lassen. Die nächste Werkstatt ist nicht weit: Wohlweislich unterhalten mehrere Unternehmen an den grossen Boulevards Werkstätten, so dass bei einem Schaden an einer der grossen Ein- und Ausfallstrassen Rashts Hilfe kaum jemals weit ist. Der Schaden wird geschätzt und auf der Basis der Schätzung unterschreibt der Unfallverursacher und die Werkstatt einen Versicherungs-Coupon, der den Geschädigten berechtigt, den Schaden zu reparieren und den Schaden bei der Versicherung geltend zu machen. Ich bin offen gestanden etwas erstaunt, wie zügig alles abgewickelt ist: insgesamt verlieren wir durch den Unfall kaum eine Stunde.


Wir durchqueren Rasht ohne weitere Zwischenfälle und gelangen auf die Ausfallstrasse nach Anzali. Hier reiht sich Autohaus an Autohaus mit teuren Importautos: Toyota, Lexus, BMW, Merzedes. Man merkt, dass hier im Norden Geld vorhanden ist, die Unterschiede sind aber auch entsprechend gross zwischen jenen, die Geld haben und jenen ohne Geld. Auf den Strassen sind verschiedene Abfallsammler unterwegs, die mit grossen Handkarren durch die Stadt ziehen und Karton oder PET einsammeln und verkaufen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. An den Boulevards wechseln sich grosse Werbeplakate für Internetdienstleistungen, Vergnügungsparks, Restaurants und Möbelhäuser ab mit grossflächigen Ermahnungen Ayatollah Chameneis, einheimische Produkte zu kaufen. Andere Plakate werben mit Fotos von jungen Männern und weissen Tauben für den Eintritt in die Revolutionsgarden und das Grün zwischen den Boulevards säumen Stangen mit iranischen Flaggen und Bildern der Märtyrer des Iran-Irakkrieges der Achtziger Jahre. Ein Plakat mit dem Bild von Chamenei wendet sich direkt an Donald Trump: „Im Namen des iranischen Volkes, Sie irren sich, Herr Trump!“.


Hier im Norden, wo das ganze Land hinfährt, um sich zu erholen und zu vergnügen, scheint es der Regierung besonders geraten, mahnend ins Privatleben hineinreichen. Ich erinnere mich an unseren Besuch auf der Assassinen-Festung Alamut, die wir 2010 besucht haben. Nach einem Aufstieg über hunderte von Treppenstufen hinauf in die sagenhafte Festung, war das erste, was wir sahen, ein überdimensioniertes Plakat mit der Ermahnung, dass die Kleidervorschriften auch hier oben einzuhalten sind. Oder in Yazd, wo wir die zoroastrischen Totentürme besichtigt haben und uns laufend drei mit Gewehren bewaffnete Basidj auf Motorrädern gefolgt sind. Einer davon sogar zu Fuss bis hinauf auf die Plattform des Turmes. Die Regierung mag es nicht, wenn sich die Leute für Themen und Stätten interessieren, die nicht mit dem Islam zu tun haben. Kurz nach der Revolution liess man sogar Bagger vor Persepolis auffahren mit dem islamistisch-fanatischen Ziel, diese Stätte der 2500jährigen persischen Monarchie zu zerstören. Der Protest tausender Iranerinnen und Iraner hat dies verhindert. Möglicherweise war Ayatollah Khomeini der Meinung, das Volk dürfe nicht mit einem Zuviel in kurzer Zeit überfordert werden und wende sich dann selber - sobald es die Vorteile und Errungenschaften der islamischen Statthalterschaft erkannt habe - von den Stätten des Unglaubens ab. Dies stellte sich jedoch als Irrtum heraus: Ganz egal, welches die Meinung der Iranerinnen und Iraner zur Regierung des Schahs und seines in Persepolis pompös gefeierten Jubiläums der iranischen Monarchie ist: Sie haben sich nie von der grossartigen Geschichte und dem grossen kulturellen Erbe ihres Landes abgewandt.


Die Regierung greift überall tief in das Leben der Iranerinnen und Iraner ein. Nicht nur dort, wo es direkt sichtbar ist oder in westlichen Medien aufgenommen wird, wie beispielsweise bei den Kleidervorschriften für die Frauen oder bei der Zensur von Internet und Medien, durch die Verhaftung von Internet-Bloggern oder Demonstranten, Menschenrechtsaktivisten, Umweltaktivisten, Homosexuellen oder Frauenrechtlerinnen. Sondern auch über subtile pseudo-intellektuelle Diskussionssendungen im Fernsehen, lehrhafte und lehrerhaft aufbereitete Dokumentationen oder endlosen Tiraden der Muezzin über die Lautsprecher der Dorfmoscheen. Sie alle sind dazu da, väterlich-streng das unbedarfte Volk wie Kinder an der Hand durch die Unwägbarkeiten des wirtschaftlichen und politischen Lebens hin zu einer islamisch-religiösen, reinen Lebensart zu führen. Die Regierungsform der islamischen Republik mit ihrem geistlichen Oberhaupt nimmt die Bevölkerung des Landes nicht als mündige Individuen war, sondern als ständig in Versuchung geratende, geistig zurückgebliebene Kinder. Entsprechend werden die sinnlosesten Dinge diskutiert, etwa die moralische Wertigkeit der modernen Haarschnitte junger Männer (dies war im Ernst ein aktuell diskutiertes Thema bei unserem letzten Besuch in 2010).


Dies alles führte in den letzten vierzig Jahren dazu, dass man eine Art Doppelleben führt. Eines in Gegenwart der Wächter draussen und ein privates zu Hause. Oder wie es jemand beschreibt: „Das Leben der Iranerinnen und Iraner erinnert an ein Schauspiel: Wir stehen in einer bestimmten Rolle vor dem Vorhang und kehren zu uns selber zurück, sobald der Vorhang gefallen ist“. Aber auch in der Öffentlichkeit werden immer wieder die Grenzen ausgelotet: Kopftücher demonstrativ nach hinten geschoben (zwar nicht abgenommen, aber so weit hinten, dass sie eigentlich mehr Halstücher sind), Hosen und Ärmel gekürzt, im Park von Paaren Händchen gehalten. Alles Vergehen, die auf der Polizeiwache enden können. Satellitenempfänger sind nach wie vor verboten - und doch gibt es kaum ein Dach in den grösseren Städten, auf dem nicht ein Empfänger montiert ist (ein weiteres Plakat von Chameinei: „Ausländisches Fernsehen zerstört den Frieden in der Familie“).  
0 Comments



Leave a Reply.

    Autor

    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

    Archiv

    September 2018
    August 2018

    Kategorien

    All
    Alltag
    Kashan
    Politik Und Wirtschaft
    Rudbar

    RSS Feed

Das ist eine Website von Weebly. Sie wird verwaltet vonhostfactory
  • Home
  • Iran
    • Iran 2010 - Fotos
    • Reiseblog 2010 (Englisch)
    • Iran 2018
  • Kontakt
  • Essen
  • Klassenfotos
  • Projekt Fotobuch