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In der Wüste

25/8/2018

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Fünf Uhr morgens ist Tagwacht, es ist noch dunkel und still. Gegen halb sechs kommt unser Fahrer und wir packen den Wagen: Wasser, eine grosse Melone, Fladenbrot. Kurz vor sechs Uhr fahren wir los in die Dämmerung. Wir folgen zuerst der Staubpiste, die zur Caravanasarai Maranjab und zum Daryatcheh-Namak, dem grossen Salzsee führt. Kurz vor Sonnenaufgang verlassen wir die Piste und fahren einen Hügel hinauf. In der Dämmerung steht ein Dromedar bewegungslos, nur ein hoher Schatten vor dem rosa eingefärbten Himmel. Es ist immer noch warm, die Wüste hat sich nicht so stark abgekühlt wie erwartet. Ein Kaninchen kreuzt unseren Weg. Die Wüste hier ist mehrheitlich von Geröll geprägt – wir befinden uns ein einem Jahrtausendealten Einzugsgebiet der erodierten Berge rund um Kashan. Der Sand liegt weiter südöstlich von uns und bildet kleine Ansammlungen und gelbe Flüsse dort, wo der Wind stark genug ist, um ihn bis hierher zu treiben. Zu Zeiten vom Schah wurden entlang dem Rand der Wüste rund um Kashan tausende von Bäumen gepflanzt, um eine Versandung des fruchtbaren Landwirtschaftsgürtels rund um die Oasen von Kashan zu verhindern. Diese trotzen bis heute dem Sand, der von den riesigen Dünen herangeweht wird – gross gewachsen scheinen sie in all den Jahren nicht zu sein, verbogen, schief im Wind und knorrig stehen sie kaum mehr als einen Meter hoch als natürliche Barriere gegen die Fluten aus Staub.
Auf dem Hügel hat unsere Fahrer einen Teppich ausgelegt und wir sitzen in der Stille nach Osten gewandt und warten auf den Sonnenaufgang. Links von uns ist in der Ferne die Piste zu erkennen, langsam steigen aus dem Halbdunkel Reihen von Hügeln auf, übereinandergeschobene braungrau-dunstige Kulissen. Auf der Piste weit entfernt zuerst eine Staubwolke, dann ein Oranger Fleck: ein erster Lastwagen auf dem Weg zum Salzsee, um eine Ladung Salz abzuholen. Wir hatten am Vorabend einen der Salzfahrer kennengelernt, ein wortkarger junger Mann, der aus der Dunkelheit beim Hostel aufgetaucht ist und erst bei einem Glas Tee am Gespräch über das Leben in der Wüste und die Touristen teilgenommen hatte.
Im Osten färbt sich der Himmel lachsfarben, wir warten darauf, dass die Sonne hinter dem Horizont aufsteigt, der sich endlos und seidig über den Geröllhügeln wölbt. Doch die Sonne steigt nicht zuerst als kleiner, gleissender Fleck, dann als Streifen und schliesslich als Halbkreis auf, sie ist nicht zurückhaltend und betritt nach und nach die Bühne wie ein Komparse in einem billigen Theaterstück: Nein, sie lässt uns warten und tritt plötzlich und dramatisch und kreisrund und blutrot aus dem Dunst hervor, wie eine Diva und die unangefochtene Hauptdarstellerin der Wüste.

Wir fahren weiter zu den Sanddünen. Hier besteigen wir barfuss die noch kühlen Sandhügel, die sich über Kilometer hinweg unter dem stetigen Wind aus Südosten wie Wellen im Meer in endloser Langsamkeit türmen, senken, schieben und ewig vorwärts driften, ihre Form verändern, an Höhe gewinnen und schliesslich wieder in Täler zusammenfallen. Wir scheuchen eine Echse auf, die hoch auf ihre Vorderbeine aufgerichtet im Zickzack über den Sand davonflitzt. Auf einer besonders hohen Düne angelangt, erstreckt sich das ockerfarbene Meer aus Sand über viele Kilometer bis zum Horizont. Gelbe zähe Grasbüschel sprenkeln die endlosen Wellen. Dieses Gras, so erklärt uns unser Fahrer, hat wurzeln, die teilweise über hunderte von Metern auf der suche nach Feuchtigkeit durch den Sand reichen. Er gräbt eine Wurzel aus und zeigt uns kleine Verdickungen, die als Wasserspeicher dienen. Das Grundwasser reicht hier teilweise bis an die Oberfläche und wir treffen auf einige kreisrunde Wasserlöcher im Sand. An den meisten Stellen in der Geröllwüste ist das Wasser zwischen zwei und sechs Meter tief zu finden – dort jedoch, wo die Dünen sich teilweise an die hundert Meter erheben, ist das Wasser unerreichbar tief. 
Nach einem Frühstück aus Brot, heissem Tee und Wassermelone – alles im stetigen Wind nach kurzer Zeit mit einer feinen Sandschicht bedeckt – fahren wir in Nordöstlicher Richtung von den Dünen weg und durch ein kilometerbreites ausgetrocknetes Flussbett. Hier liegen liegen überall Lehmkugeln herum, die kleinsten Faustgross, die grösseren so gross wie Fussbälle. Diese Kugeln werden von der Natur geformt, wenn im Frühling das Wasser von den Bergen strömt und Schotterstücke über den lehmigen Boden rollt. Ist das Wasser versickert und verdunstet, bleiben die Kugeln im Wadi liegen. Im Norden von uns erstreckt sich eine weite Ebene – diese gehört bereits zum Einzugsgebiet des Salzsees und ist äusserst gefährlich, da auch jetzt noch, am Ende des Sommers, unter einer dünnen, ausgetrockneten Schicht Erde feuchter Schlamm als gefährlicher Sumpf lauert. Wir umfahren das Gebiet südlich und wenden uns erst nach Norden, nachdem wir die Piste nach Maranjab wieder erreicht haben.
Hier treffen wir auf eine Gruppe von Lastwagen, die hoch gefüllt mit Salz verlassen auf der Piste stehen. Auf einem Sandhügel in der Nähe eine Gruppe Leute, die uns winken: Der Offroader kämpft sich durch den Sand hinauf und erreicht ein kleines Biwak von jungen Männern und einem halb im Sand versunkenen Peugeot. Die Fahrer der Lastwagen erklären, was geschehen ist: Die jungen Leute sind am Vortag aus Teheran hierher gefahren, um die Nacht in der Wüste zu verbringen. Offensichtlich war jedoch die Sanddrift in der Nacht so stark, dass ihr Lager versandet ist. Wo am Nachmittag zuvor offenbar nur eine dünne Schicht Sand den harten Boden bedeckt hat, türmten sich nun fast meterhohe Sandwellen auf und sie hatten keine Chance mehr, das Auto aus dem Sand herauszubringen. Glücklicherweise hatten sie Verstand genug, nicht allzu weit von der Piste entfernt zu biwakieren, so dass sie am Morgen die Lastwagenfahrer auf sich aufmerksam machen konnten.
Da die Lastwagen jedoch nicht den Sandhügel hinaufkamen, war gerade entschieden worden, dass die jungen Leute das Auto stehen lassen und mit den Lastwagen zurückfahren sollten. Mit unserer Ankunft jedoch wurden die Pläne geändert und wir sollten versuchen, den Peugeot mit unserem Offroader aus dem Sand zu ziehen. Während die Fahrer sich an die Arbeit machten, ein festes Drahtseil an beiden Wagen befestigten und den Peugeot ausgruben, standen die jungen Herren – einer davon in feinen Lacklederschuhen, man stelle sich dies vor! - untätig und mit dummen Gesichtern herum. Nun tauchten auch noch ein paar Kamele auf, aus der Ferne angelockt durch das menschliche Treiben auf dem Sandhügel. Sie gesellten sich zu den jungen Männern und Mensch und Kamel betrachtete gemeinsam die Bemühungen der Arbeiter, das Auto freizukriegen.
Nach einigen Anläufen gelang dies auch und der Wagen konnte zur Piste zurück gezogen werden. Die jungen Männer stiegen ein und brausten ohne Dank ab.
Auch wir machten uns wieder auf. Bereits nach wenigen Kilometern erreichen wir den Salzsee. Dieser hat nur im Winter Wasser, ist im Frühjahr morastig und jetzt im Sommer völlig ausgetrocknet. Und wunderschön: über viele Kilometer dehnt er sich gelblich-weiss gemustert mit regelmässigen Hexagonen aus Salzkristallen vor uns aus. Es bläst ein stürmischer Wind aus südöstlicher Richtung – und da dieser frei von Staub ist, ist die Luft klar und die Sicht gut. Auch wenn wir nicht – wie dies nach Beteuerung unseres Fahrers bei besonders klarem Wetter der Fall sein soll – bis zum rund 300 Kilometer entfernten Damawand sehen können.
Es wird schon unangenehm heiss auf der weiten Salzfläche und so fahren weiter in Richtung Karawanserai. Dieses Fort wurde 1603 gebaut und diente den Karawanen der Seidenstrasse als Schutz- und Ruhepunkt. Sie war zeitweise mit über 500 Soldaten besetzt, um einerseits die Karawanen vor Banditen zu schützen, andererseits aber auch als Vorposten gegen die immer wieder aus Afghanistan und Usbekistan einfallenden Heere. Anfang des 20. Jahrhunderts verloren die Karawanen und damit die Karawansereien an Bedeutung und auch die Karawanserei Maranjab wurde verlassen, bis in den vierziger- und fünfzigerjahren des 20. Jahrhunders von Banditen in Beschlag genommen wurde. Diese führten von hier aus über mehrere Jahre ihre Raubzüge in die Dörfer der Umgebung durch, bis Schah Reza Pahlewi die Karawanserei ausbomben liess. Zur Jahrtausendwende wurde sie schliesslich wieder aufgebaut und dient seither den Wüstentouristen als einfache aber sichere Unterkunft.
Von hier aus fahren wir weiter nach Osten, wo uns der Fahrer zum Abschluss noch etwas Besonderes zeigen will: eine Kameltränke. Diese besteht aus zwei je rund fünf Meter langen Steintrögen und einem Qanat-Ausgang als Brunnen. Hier schöpfen wir mit einem Lederkessel aus rund drei Metern Tiefe Eimerweise Wasser in die Tränke. Wir schauen uns um: Kamele sind keine in der Nähe, nur weit weg am Horizont schaukeln ein paar über den Staub. Unverdrossen schöpfen wir weiter Wasser, ein Loch im Eimer, aus dem ein kühler Strahl schiesst, und uns regelrecht abduscht, sorgt für Gelächter und Ablenkung. Und da sind sie schon, die ersten, wie aus dem Nichts aufgetaucht: zwei Dromedare nähern sich und recken ihre langen Hälse in den Wassertrog. Sie trinken ausgiebig, strecken ihren Kopf die Höhe und schütteln ihn ausgiebig, so dass ihre weichen Schlabberlippen fliegen. Neugierig betrachten sie uns unter langen Wimpern hervor, blinzeln kurz und wenden sich dann wieder dem Wasser zu. Immer mehr der Tiere kommen mit wiegendem Schritt heran und schon bald drängen sich sechs, acht, zehn Kamele am Trog und immer noch kommen neue an und drücken und schieben sich zwischen die anderen, um ihrerseits an das Wasser zu kommen. Dieses wird weniger und weniger und es ist erneutes Schöpfen nötig, um den Durst der Tiere zu stillen. Doch auch der Qanat ist plötzlich leer – ein Zustand, der offenbar ungewöhnlich ist und näherer Untersuchung bedarf. So steigt unser Fahrer durch das enge Loch hinunter und untersucht den Ausgang des Qanats. Schon bald fördert er einigen Abfall und eine grosse PET-Flasche zu Tage, die den Zufluss verstopft hat. Während abwechslungsweise geschöpft wird, lernen wir mehr über die durstigen Viecher. Ein Kamel kostet hierzulande rund 20 Millionen Tuman, was rund 2000 Dollar entspricht. Auf den Karawanen führte man immer mindestens eine Kamelstute mit, welche die reichhaltige Milch lieferte, die für die Reisenden die Hauptnahrung bildete. Und die Tiere riechen oder spüren Wasser bereits von weit her. Auch sind sie ihrer Geburtsstätte stark verbunden und es treibt sie immer wieder dorthin zurück.
Unterdessen ist die Sonne schon hoch und es wird immer heisser. Nach einem kurzen Abstecher zum Fuss einer besonders hohen Sanddüne (wir verzichten darauf, die rund hundert Meter zu erklimmen), fahren wir wieder zurück zum Camp, um dort am Teich im Schatten Schutz vor der Mittagshitze zu finden.

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    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

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