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Hijab oder: Die Schlange am Hals

10/9/2018

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Sag den gläubigen Frauen, sie sollen die Augen niederschlagen, und sie sollen darauf achten, dass ihre Scham bedeckt ist und den Schmuck, den sie tragen, niemandem offen zeigen, außer ihrem Mann, ihrem Vater, ihrem Schwiegervater, ihren Söhnen, ihren Stiefsöhnen, ihren Brüdern, den Söhnen ihrer Brüder und ihrer Schwestern, ihren Frauen, ihren Sklavinnen, den männlichen Bediensteten, die Keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die noch nichts von weiblichen Geschlechtsteilen wissen.
Im Iran gelten strenge Kleidervorschriften - nicht ganz so streng wie in Saudi Arabien oder bei den Taliban in Afghanistan mit Niqab oder Burka als Ganzkörperverschleierung mit bedecktem Gesicht - aber Haare, Hals, Ausschnitt, Arme und Beine sowie die Körperkonturen müssen bedeckt sein. Dies kann entweder mit dem grossen Umhang, dem Tschador, erreicht werden oder mit langen Hemd, langer Hose und einem Schal über dem Kopf. «Tschador» heisst auf persisch übrigens «Zelt» - und wer jemals eine dieser kleinen meist alten Frauen durch die Gassen hat huschen sehen, weiss auch warum. Der Tschador wird über den Kopf und um den ganzen Körper gezogen und unter den Ellbogen eingeklemmt und lässt - so er denn gross genug ist - nur Gesicht und Füsse frei. Werden die Arme benötigt, so etwa beim Einkaufen, klemmt sich Frau die Enden des Tschadors häufig kurzerhand zwischen die Zähne. Den Tschador gibt es vornehmlich in schwarz, aber auch andere Farben sind erhältlich, so weiss zum Beispiel oder grau oder beige oder blau oder eine dieser Farben mit kleinen Blümchen oder Tupfen. Es gibt die Tschadore speziell geschneidert und mit Gummiband für die Kopfbefestigung versehen oder aber einfach als Stoffbahn, die selber von Frau zugeschnitten und gesäumt wird. Der Tschador ist für alle Frauen, die in öffentlichem Dienst mit Kundenkontakt stehen, Pflicht. Ebenfalls herrscht Tschadorpflicht in vielen Moscheen. Und meist zeihen sich gläubige Frauen den Tschador auch über, wenn sie - selten in der Moschee aber um so häufiger in der Privatsphäre zu Hause - beten. Oft wird der Tschador aber auch übergeworfen, wenn es schnell gehen muss und das Anlegen von Mantel und Schal zu lange dauern würde. Dann etwa, wenn es an der Türe klingelt und Frau nicht weiss, wer davor steht. Oder wenn kurz etwas eingekauft werden soll wie zum Beispiel Sabzi, das häufig von Verkäufern, die mit ihrer Ware durch die Strasse fahren und sie über einen - viel zu laut eingestellten - scheppernden Lautsprecher ausrufen.
 
Ältere Frauen tragen neben dem Tschador meist einen „Manteau“, einen in verschiedenen Farben und Schnitten erhältlichen leichten, aber nicht durchscheinenden, Mantel und ein unter dem Kinn gebundenes Kopftuch. Darunter lange Hosen und geschlossene Schuhe. Jüngere Frauen und vor allem junge Frauen hingegen tragen selten ein Kopftuch, sondern einen Schal. Wo in 2010 die Mäntel noch geschlossen, dafür aber nur mit 3/4 langen Ärmeln und eng an den Körper geschnitten waren, trägt Frau den Mantel neuerdings offen und luftig geschnitten. Und die Hosen wurden vielerorts durch enge Jeans oder Leggins ersetzt, genauso wie die ehemals immer geschlossenen Schuhe heute häufig durch offene Sandaletten ersetzt wurden. Alles eigentlich nicht erlaubt, aber immer wieder ausgetestet: wie viel kann sich Frau erlauben, ohne von den Sittenwächtern angehalten und ermahnt zu werden.
 
Mantel und Schal werden auch nicht wirklich wie einen islamischen Hijab getragen, sondern sind zu modischen Accessoires geworden: Es gibt sie in den verschiedensten Farben und Materialien, elegant, verspielt, bunt gemustert, gestreift, gepunktet und getupft und immer genu abgestimmt mit dem Rest der Kleidung. Den Schal trägt Frau locker über den Hinterkopf gelegt. Oder noch weiter hinten einfach über die hochgesteckten Haare gehängt und ganz offen getragen oder einseitig elegant über die eine Schulter gelegt, weniger um Hals und Ausschnitt zu bedecken als um diese subtil zu betonen. Immer häufiger wird er auch nicht mehr hochgezogen, sollte er einmal in den Nacken rutschen...
 
Natürlich habe ich auch verschiedene Schals dabei, um den Kleidervorschriften zu genügen. Sorgfältig abgestimmt auf die langen, weiten Hemden, die mir den Manteau ersetzen. Bei über vierzig Grad Hitze ist es mir zu heiss, Tshirt und Mantel zu tragen - da sind mir die weiten, leichten Hemden viel lieber. Und natürlich führe ich einen steten Kampf mit meiner Kopfbedeckung: Vor dem Spiegel elegant drapiert, rutscht mein Schal schon nach wenigen Sekunden wieder nach hinten, verfangen sich die Enden an meiner Tasche, würgen sie mich am Hals: Meine Schals führen alle ein geheimnisvolles, eigenwilliges Eigenleben, scheinbar mit dem einzigen Ziel, mir vom Kopf zu rutschen und sich um meinen Hals zu schlingen wie eine Würgeschlange.
 
Bei windigem Wetter ist mein Tuch kaum zu bändigen – windiges Wetter bietet aber häufig amüsante oder auch poetische Einblicke in den Kampf anderer Frauen mit ihrer Körperbedeckung. Im windigen Wetter von Rudbar und Manjil hatte ich dazu reichlich Gelegenheit: Da war zum Beispiel diese alte Frau im schwarzen Tschador, den der Wind frech hochgehoben hat und den Blick freigab auf gewagte Leggins mit Leopardenmuster. Oder Sarah, die auf den Anhöhen von Rudbar bei den Windturbinen ihren breiten Schal in einem unbeobachteten Moment weit über den Kopf hielt und der Wind Hijab, Haare und Kleid frei wehen liess in ein Gemälde von Anmut und Kraft und Stolz als Frau zugleich…
 
2010 besuchten wir in Mazanderan eine uralte Moschee irgendwo auf dem Land, bei der Tschadorpflicht herrschte. Viele Moscheen leihen auch schon mal Tschadors aus und so ging ich zum entsprechenden Kabäuschen, um mir einen abzuholen. Nachdem ich dort mein Ansinnen vorgebracht hatte, blickte mich die Frau hinter dem Tisch zweifelnd von oben nach unten an, murmelte etwas, zupfte sich ihren Tschador zurecht und wandte sich dann zum Gestell um, wo verschiedene weisse Tschadors mit kleinen Blümchen auf die Ausleihe warteten. Sie nahm einen in die Hand, wog ihn ab, schüttelte den Kopf, wandte sich einem anderen zu, entschied sich wieder anders und wühlte weiter. Endlich schien sie zufrieden und überreichte mir das gute Stück mit einem befriedigten Lächeln: „bosorg!“. N grinste mich an: Die gute Frau stand bei meiner Körpergrösse - die in Iran ja immerhin fast dreissig Zentimeter über Normalmass hinausgeht - vor dem Problem, einen Tschador zu finden, der meine ganze Länge bedecken kann. Im Hof vor dem Eingang versuchte ich dann, das gute Stück geziemlich umzulegen - eine Bemühung, die von herumstehenden Frauen interessiert beobachtet wurde. Schliesslich erbarmten sie sich meiner (N ist bei solchen Dingen ja nicht wirklich eine Hilfe) und nahmen die Sache selber in die Hand: Sie zupften und zogen das Tuch nach links, dann wieder nach rechts, liessen mich die Enden unter die Ellbogen klemmen, traten zurück und schienen zufrieden. Tatsächlich war ich bis zu den Fussspitzen bedeckt. „Bale bale“, recht so. Derweil fing N an, ziemlich unbeherrscht zu kichern und als ich mich zu ihm umdrehte, entfuhr den hilfreichen Damen ein entsetztes Krächzen: Zwar erfüllte der Tschador von vorne betrachtet durchaus seine voll-bedeckende Aufgabe, dafür jedoch war meine Rückseite bis über das Hinterteil hinauf völlig unbedeckt!
 
1936 verbot der damalige Schah Reza Pahlevi generell das Tragen traditioneller Kleidung bei Männern und des Tschadors bei Frauen. Er wollte das Land nach türkischem Vorbild rundum modernisieren und sah in westlicher Kleidung ein Symbol der Modernisierung und im Islam deren Gegner. Auch religiöse Prozessionen zu Festen werden untersagt. Diese Verbote wurden wenn nötig auch mit Gewalt durchgesetzt. Frauen im Tschador wurden geschlagen, verhöhnt, ihnen den Stoff vom Kopf gerissen. Für viele Menschen im schiitisch geprägten Land war diese Politik des ein Angriff auf ihre innersten Werte und für die meisten Frauen im damals sehr ländlich-traditionellen Iran kam das staatlich sanktionierte Tschadorverbot einer beschämenden Entblössung gleich: viele Frauen vermieden es in der Folge sich jahrelang, überhaupt auf die Strasse zu gehen. Das Tschadorverbot wurde 1963 als nicht mehr zeitgemäss schliesslich wieder aufgehoben.
 
Vor der Revolution 1979 waren in den grösseren Städten die Strassen geprägt von modernen Frauen in den Minikleidern der siebziger Jahre. Gleichzeitig war in den ländlichen Gebieten die Zeit teilweise stehen geblieben: Die Unterschiede nicht nur zwischen Arm und Reich, sondern auch zwischen Land- und Stadtbevölkerung waren damals erheblich. So waren viele der traditionellen Männer und auch Frauen schockiert über die «Nacktheit» der modernen Frauen. Nur zur Erinnerung: Auch bei uns in Europa monierten Mütter und Väter die langen Haare der Söhne und den Tausch von Anzug und Kravatte mit engen Jeans und offenen Hemden oder die immer kürzeren Röcke und engen Pullis ihrer Töchter. Vor dem Sturz des Schahs beteiligten sich viele Frauen an den Demonstrationen und die iranische Frauenbewegung mobilisierte Tausende für die Demonstrationen für mehr Rechte und Freiheit und gegen den Schah. Kurz nach der Revolution bestand nicht nur Aufbruchsstimmung bei den männlichen politischen Aktivisten, sondern auch bei den Frauen – es wurden diverse international besetzte Veranstaltungen mit Aktivistinnen und Feministinnen aus der ganzen Welt durchgeführt.
 
Nach der Revolution 1979 war es nicht etwa so, dass sofort die islamischen Kleidervorschriften eingeführt wurden. Am Tag, nachdem der letzte Schah Mohammed Reza Pahlevi den Iran verlassen hatte, veröffentlichte die Zeitung Kayhan ein Interview mit Ayatollah Montazeri. Dieser erklärte das islamische Verständnis von «nackt» sein, bedeute das Fehlen einer Kopfbedeckung. Er plädierte für den islamischen Hijab für Frauen und die Geschlechtertrennung. Khomeini selbst liess aus seinem Pariser Exil in der gleichen Zeit verlauten, dass es in der Entscheidungsgewalt der Frauen selbst liege, ob sie einen «Schleier anziehen». Bereits kurz darauf erklärte er in einem Interview jedoch: «Fortschritt bedeutet ein vollkommener Mensch werden, nicht ob eine Frau ins Kino oder in die Disko geht. Diese Fortschritte hat euch der Schah verschafft, das war ein Rückschritt.» Und weiter «Die Frauen werden frei sein zu studieren oder richtige Sachen zu tun. Sie werden aber daran gehindert werden gegen die Sitten zu verstoßen». Der gesellschaftliche Diskurs über Frauen änderte sich weiter nach der Ankunft Khomeinis aus dem Exil und er empfing fortan demonstrativ Frauen und Männer getrennt. Ausgerechnet ein Tag vor dem Weltfrauentag, am 7.3.1979, gab er den Befehl, dass «Frauen nicht nackt in islamischen Ministerien arbeiten dürfen». Frauen durften damit zwar in staatlichen Bürokratien arbeiten, aber nicht ohne islamischen Hijab.
 
Der Druck auf die Frauen wuchs täglich. In den grösseren Städten und vor allem in Teheran gab es Demonstrationen und Kundgebungen, Frauen aller Altersklassen, Studentinnen und Schülerinnen protestierten gegen die neuen Verordnungen. Bald demonstrierten auch islamische Frauen für die Zwangsverschleierung und die Medien erhielten einen neuen Auftrag: Die Propagierung der islamischen Sitten. Im Sommer 1979 verschärfte sich der Prozess der Zwangsverschleierung durch die staatlichen «Säuberungskomitees». Sie «säuberten» staatliche und nicht staatliche Institutionen und drückten das Hijab-Gebot unerbittlich durch. Frauen gingen mit Kopftüchern zur Arbeit, da sie ihre Arbeit nicht verlieren wollten. Auf den Strassen wurden Frauen immer häufiger mit der Parole von islamistischen Männern und Frauen beschimpft: «Ja Rusari, ja tusari» was so viel bedeutet, wie «entweder Kopftuch oder ein Schlag auf den Kopf». Iranische Frauen ohne Hijab wurden auf offener Strasse angegriffen, mit Steinen beworfen, bespuckt, ihnen das Kopftuch mit Reisszwecken an der Stirne befestigt. Es gibt Berichte, wonach mancherorts gar heute noch ungenügend verschleierten Frauen Säure ins Gesicht gespritzt wird. Kopftuch und Tschador wurden ideologisiert und zum Zeichen der Loyalität zur neuen Herrschaft. Und damit umgekehrt der Verzicht auf die Bedeckung der Haare zu einem Treuezeichen zum Schah und damit als konterrevolutionär verurteilt und verfolgt. Täglich wurden junge Menschen öffentlich ausgepeitscht und alleine im Jahr 1979 wurden rund 600 Frauen wegen angeblicher «sexueller Vergehen» hingerichtet.
 
Im Zuge der Demonstrationen Ende 2017 gegen die desolate Wirtschaftliche Situation in verschiedenen Städten Irans ist auch eine Protestbewegung gegen das Kopftuch entstanden: Vor dem berühmten Café Farance, dem Treffpunkt von Studierenden und Intellektuellen, stellte sich damals eine junge Frau auf einen Stromkasten. Sie hatte ihr Kopftuch an einen Stock gebunden und hielt ihn in der Hand. Still stand sie da, wie eine Statue. So protestierte die 31-jährige Vida Movahed gegen den Kopftuchzwang im Iran. Das Bild von ihr und ihrem Kopftuch am Stock kursierte sofort in den sozialen Netzwerken und in den internationalen Medien. Kurz darauf wurde Vida Movahed verhaftet, laut ihrer Anwältin aber nach einer Weile wieder freigelassen. Viele Frauen machten es ihr daraufhin nach – an verschiedenen Orten, aber auch auf dem Stromkasten, auf dem Vida Movahed stand. Die Bewegung breitete sich im ganzen Land aus, die Frauen der Revolutionsstraße wurden zu einer immer größeren Gruppe. Die Proteste der Frauen sind nicht vor kurzem entstanden. Sie sind vielmehr Teil eines langjährigen kollektiven Widerstands, der immer wieder neue Ausdrucksformen findet. die iranischen Frauen die Gruppe sind, die der Autorität gegenüber am ungehorsamsten gegenüberstehen. Seit der Islamischen Revolution gilt eine strenge Kleidervorschrift: Haare und Körper der Frau sollen vollständig bedeckt werden. Blickt man aber auf Irans Strassen, dann wird schnell klar, dass diese Verbote und Anordnungen nicht funktionieren. Mehr als die Hälfte der Frauen zeigt trotz des Kopftuchzwangs ihre Haare und hat das angeblich Unpassende an. Immer wieder definieren die Iranerinnen ihre eigene «Norm» für ihre Straßenoutfits – nie stellt diese die Obrigkeit zufrieden. Kürzlich erklärte sogar Generalstaatsanwalt Mohamed Dschafar Montaseri den Kampf gegen die «unislamische» Kleidung der Frauen im Iran für gescheitert. Das gewaltsame Vorgehen der Staatsmacht dagegen habe nichts gebracht und dem Land nur geschadet.
 
Dies half jedoch einer der Protestierenden nicht weiter: Sie erhielt 20 Jahre Haft, zwei davon ohne Bewährung. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie mit dem Ablegen der Verhüllung und dem Schwenken derselben an einem Stock in der Öffentlichkeit den Straftatbestand der Anstiftung zur Prostitution erfülle. Im laufe des Frühjahrs haben die Hijab-Gegnerinnen auf der Facebook-Seite «My Stealthy Freedom» bereits Tausende von Videos und Fotos hochgeladen, in denen Frauen sich ohne Kopftuch auf die Strasse wagen. Und es kursieren auch diverse Bilder von Männern, die aus Protest gegen den Kopftuchzwang bei Frauen selber einen Hijab tragen…

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    "For my part, I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travel's sake. The great affair is to move; to feel the needs and hitches of our life more nearly; to come down off this featherbed of civilization…"
    B. L. Stewenson : Travels with a Donkey. In: E. Crawshay Williams: Across Persia, London 1907

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